Zu einzelnen Themenbereichen wie Gesundheit oder gesellschaftliche Teilhabe gab es bereits Studien. Diese können Sie hier lesen.
Inklusionsindex 2026
Die Richtung stimmt, doch der Weg ist noch weit
Wie inklusiv ist die Schweiz im Jahr 2026?
In welchen Lebensbereichen fühlen sich Menschen mit Behinderungen weiterhin benachteiligt, und wo zeigen sich Fortschritte?
Um diese Fragen zu beantworten und die Entwicklungen im Zeitverlauf zu erfassen, hat Pro Infirmis zum zweiten Mal eine Studie in Auftrag gegeben. Die erstmals 2023 durchgeführte Inklusionsstudie wurde nach drei Jahren wiederholt.
Informationen zum ersten Inklusionsindex finden Sie hier:
Im Zentrum der Studie steht die Selbsteinschätzung von Menschen mit Behinderungen in zehn Lebensbereichen. An der aktuellen Befragung nahmen 2’207 Personen im Alter von 16 bis 64 Jahren teil. Die Teilnehmenden sind unterschiedlichen Geschlechts, mit verschiedenen Behinderungsarten und aus unterschiedlichen Sprachregionen.
Ernüchternde Ergebnisse
Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd: Trotz einzelner Fortschritte bestehen für Menschen mit Behinderungen in der Schweiz weiterhin erhebliche Barrieren. Nach wie vor fühlen sich rund 4 von 5 Menschen mit Behinderungen in mindestens einem Lebensbereich stark ausgeschlossen. Besonders betroffen sind weiterhin die Bereiche Politik, Arbeit und Mobilität – dort ist die Inklusion am schwächsten.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick: Die Prozentzahl gibt an, wie viele Menschen mit Behinderungen sich im jeweiligen Lebensbereich stark eingeschränkt fühlen.
- Politik: 46%
- Arbeit: 46%
- Mobilität: 44%
- Freizeit: 41%
- Bildung: 34%
- Wohnen: 24%
- Beziehungen: 20%
- Recht: 13%
- Gesundheit: 14%
- Information: 10%

Die Lebensbereiche
Politik

Menschen mit Behinderungen in der Schweiz fühlen sich im Bereich Politik am stärksten ausgeschlossen.
Zwar ist die Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen für die Mehrheit grundsätzlich möglich, doch bestehen entlang des gesamten Prozesses Barrieren, beispielsweise beim Zugang zu Informationen oder beim Ausfüllen der Wahlunterlagen. Knapp 3 von 4 Menschen mit Behinderungen fühlen sich in der Politik nicht gut vertreten. Diese Wahrnehmung zeigt sich unabhängig von Behinderungsart und Region.
Genannte Gründe dafür:
- Politikerinnen und Politiker sprechen zu wenig über und mit Menschen mit Behinderungen und tun zu wenig für sie.
- Menschen mit Behinderungen sind in politischen Ämtern selbst zu wenig vertreten.
- Das Kandidieren für ein öffentliches Amt wird als erschwert empfunden.
Im Vergleich zur Erhebung von 2023 zeigt sich in diesem Schlüsselbereich für gesellschaftliche Teilhabe eine positive Tendenz. Mögliche Erklärung ist die langsam ansteigende Selbstvertretung in der Politik seit 2023. Dies verdeutlicht, wie wichtig Repräsentation für das Gefühl politischer Teilhabe ist .
Arbeit
4 von 5 Menschen mit Behinderungen in der Schweiz schätzen ihre Chancen auf eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt als schlecht ein.
Besonders schlechte Chancen räumen sich die 45 % der Menschen mit Behinderungen ein, die in einem geschützten Arbeitsverhältnis tätig sind, und in den ersten Arbeitsmarkt wechseln möchten.
Die grössten Hürden bleiben aus Sicht der Befragten die Arbeitgebenden: Diese sind zu wenig bereit, Menschen mit Behinderungen einzustellen.
Auch nach der Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt berichtet weiterhin jede fünfte Person mit Behinderungen von Diskriminierung im Arbeitsalltag.
Die genannten Gründe:
- eingeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten,
- nicht angepasste Arbeitsbedingungen,
- finanzielle Benachteiligungen,
- fehlende Anerkennung im Arbeitsumfeld.
Dennoch zeigt sich in diesem zentralen Bereich gegenüber 2023 eine leicht positive Tendenz.

Mobilität

Jede dritte Person mit Behinderungen in der Schweiz fühlt sich in ihren Fortbewegungsmöglichkeiten – zu Fuss oder beispielsweise mit dem Rollstuhl – eingeschränkt, unter anderem durch bauliche Barrieren. Das Lenken eines Motorfahrzeugs ist für jede zweite Person kaum möglich. Umso wichtiger ist es deshalb, den öffentlichen Verkehr nutzen zu können.
Hier zeigt sich jedoch: 2 von 5 Menschen mit Behinderungen fühlen sich bei der Nutzung des ÖV eingeschränkt. Besonders betroffen sind Personen mit Sprach-, Körper- und Krankheitsbehinderungen.
Häufige Gründe sind:
- bauliche und infrastrukturelle Barrieren (z. B. nicht barrierefreie Haltestellen),
- der hohe zeitliche Aufwand für die Reiseplanung,
- sensorische Belastungen wie Reizüberflutung im öffentlichen Raum,
- mangelnde Rücksichtnahme durch Mitarbeitende oder andere Fahrgäste.
Kultur, Sport und Freizeit
2 von 5 Menschen mit Behinderungen fühlen sich im Lebensbereich Kultur, Sport und Freizeit stark eingeschränkt. Während der Besuch von Veranstaltungen und Angeboten grundsätzlich für viele möglich ist, gibt es bei der aktiven Teilnahme wie etwa bei Chorproben, Theatergruppen oder Vereinen deutlich stärkere Einschränkungen.
Neben der gesundheitlichen Belastung und der sensorischen Überforderung sind die zentralen Gründe für die Einschränkungen:
- bauliche Barrieren,
- finanzielle Hürden,
- die Angst vor sozialer Ausgrenzung durch andere Teilnehmende, Gäste oder das Personal.
Bildung
2 von 3 Menschen mit Behinderungen in der Schweiz fühlen sich in ihrem Bildungsweg eingeschränkt. Barrieren entstehen bereits früh und ziehen sich durch den gesamten Bildungsweg. Besonders ausgeschlossen aus diesem Lebensbereich fühlen sich Personen, die einen separativen Bildungsweg durchlaufen haben, Frauen und Menschen mit Sprachbehinderungen.
Häufig genannte Barrieren sind:
- die gesundheitliche Belastung,
- der Aufwand für An- und Rückreise,
- finanzielle Hürden,
- unzureichend angepasste Lernbedingungen,
- die Sorge, den Erwartungen aufgrund der Behinderung nicht gerecht zu werden.
Wohnen
Jeder zweite Mensch mit Behinderungen in der Schweiz ist mit der eigenen Wohnsituation zufrieden. Wenn jedoch ein Wohnungswechsel gewünscht oder nötig ist, schätzt mehr als die Hälfte der Befragten die Chancen als gering ein, eine Wohnung zu finden, die den persönlichen Bedürfnissen entspricht.
Als Gründe werden genannt:
- der Mangel an barrierefreiem Wohnraum,
- finanzielle Hürden,
- administrative Hürden wie schwierige Bewerbungsprozesse oder fehlende Unterstützung bei der Suche,
- der Eindruck, von Vermietenden und Verwaltungen als Risiko wahrgenommen zu werden.
Soziale Beziehungen
Rund ein Drittel der befragten Menschen mit Behinderungen berichtet über Einschränkungen beim Knüpfen und Pflegen von Freundschaften und Partnerschaften. Besonders betroffen sind Menschen mit psychischen Behinderungen und 16- bis 24-Jährige, die häufiger angeben, auf soziale Beziehungen verzichten zu müssen.
Die Gründe liegen oft in Unsicherheiten und sozialen Barrieren:
- distanziertes Verhalten anderer Menschen aufgrund der Behinderungen,
- Angst der Betroffenen, für andere eine Belastung zu sein,
- fehlendes Selbstvertrauen,
- fehlende finanzielle Mittel für soziale Aktivitäten,
- bauliche Hindernisse bei sozialen Aktivitäten.
Recht
Menschen mit Behinderungen fühlen sich im Rechtssystem im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wenig diskriminiert. Trotzdem fühlt sich jeder vierte Mensch mit Behinderungen in der Rechts- und Handlungsfähigkeit eingeschränkt.
Die genannten Gründe:
- Viele Betroffene sind der Ansicht, dass ihre Rechte nicht im gleichen Mass beachtet werden, wie jene von Menschen ohne Behinderungen.
- Die Betroffenen sind der Ansicht, dass ihnen der Zugang zum Rechtssystem und zu Beratungsangeboten insbesondere durch Informations-, Kommunikationsund bauliche Barrieren erschwert wird.
Gesundheit
Jeder dritte Mensch mit Behinderungen fühlt sich im Schweizer Gesundheitssystem bei Spital- und Arztbesuchen sowie bei der medizinischen Betreuung benachteiligt. Frauen mit Behinderungen und Menschen mit schweren Behinderungen berichten deutlich häufiger von solchen Erfahrungen.
Die Gründe:
- 3 von 4 Betroffenen berichten, dass ihre Anliegen nicht ernst genommen werden.
- Die Hälfte der Betroffenen gibt an, dass ihre Bedürfnisse zu wenig berücksichtigt werden.
- 2 von 5 Betroffenen stossen auf Barrieren in der Kommunikation und beim Zugang zu Informationen.
Die leicht negative Tendenz gegenüber den Ergebnissen der Studie aus dem Jahre 2023 macht deutlich, dass insbesondere im Gesundheitsbereich weiterer Handlungsbedarf besteht.
Information und Kommunikation
Im Lebensbereich Information und Kommunikation fühlen sich Menschen mit Behinderungen im Vergleich zu anderen Bereichen insgesamt wenig ausgeschlossen. Dennoch bestehen weiterhin Barrieren, insbesondere für Menschen mit Sprach-, kognitiven oder Sehbehinderungen.
Zentrale Herausforderungen sind:
- verlässliche Informationen zu finden und als solche zu erkennen,
- die Verfügbarkeit geeigneter Hilfsmittel sowie die Barrierefreiheit von Informationsquellen,
- Unsicherheiten bei den Betroffenen, wie etwa Hemmungen, nachzufragen, wenn Informationen fehlen.
Fazit
Die Ergebnisse der zweiten Inklusionsstudie zeigen: Ein Teil der befragten Menschen mit Behinderungen erkennt leichte Verbesserungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Behinderungen. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Barrieren für Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe in vielen Lebensbereichen.
- Einschränkungen betreffen oft nicht nur einen Lebensbereich, sondern treten gleichzeitig in mehreren Bereichen auf. Fast die Hälfte der befragten Personen ist in drei oder mehr Lebensbereichen stark eingeschränkt.
- Die Einschränkungen unterscheiden sich je nach Lebensbereich und Personengruppe – sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Stärke. Auch die Ursachen sind unterschiedlich.
- Mehrfachbenachteiligungen (z. B. durch Geschlecht, Alter oder Nationalität) können die Einschränkungen verstärken. Betroffene berichten in solchen Fällen häufiger von zusätzlichen Herausforderungen.