Leistungen der IV bei der Arbeitssuche

Wenn wegen einer Krankheit, eines Unfalls oder einer Geburtsbehinderung Unterstützung bei der Arbeitssuche notwendig wird, ist dafür als Versicherung primär die IV zuständig. Sie bietet eine breite Palette von Leistungen an, die in den letzten Jahren sukzessive ausgebaut worden sind: Berufsberatung, Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung, Massnahmen der Arbeitsvermittlung sowie finanzielle Anreize für Arbeitgeber.

Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen müssen sich allerdings bewusst sein, dass all diese Angebote noch keineswegs garantieren, dass wirklich eine angepasste Stelle gefunden werden kann. Die
wichtigste Erfolgsgarantie bei der Arbeitssuche bleibt die eigene Motivation und das persönliche Engagement.

Dieses Kapitel zeigt, mit welcher Unterstützung behinderte Menschen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz seitens der IV rechnen können. Informationen zu weiteren beruflichen Massnahmen der IV (erstmalige berufliche Ausbildung, berufliche Weiterbildung, Umschulung) sind im Kapitel „Berufliche Ausbildung“ zu finden.


    Anmeldung und Frühintervention

    Je länger eine Person ohne Arbeit bleibt, desto kleiner werden erfahrungsgemäss die Chancen, dass sie eine angepasste Arbeitsstelle findet. Damit die nötigen Schritte rechtzeitig eingeleitet werden können, ist eine möglichst frühzeitige Anmeldung bei der IV empfehlenswert.

    In einem ersten Schritt kann die IV im Rahmen der sog. „Frühintervention“ Hilfe anbieten. Ist eine Anmeldung eingetroffen, wird die IV-Stelle die behinderte Person zu einem Erstgespräch einladen und dabei einerseits evaluieren, welche gesundheitlichen Beeinträchtigungen bestehen und wie sehr sich diese auf die Vermittelbarkeit auswirken, andererseits aber auch erfassen, welche persönlichen und beruflichen Ressourcen noch vorhanden sind. Gestützt auf diese erste Evaluation wird den Berufs-Fachleuten der IV ein weiterführender Auftrag erteilt.

    Im Rahmen der Frühintervention können sämtliche beruflichen Massnahmen gewährt werden, ohne dass zuvor umfassende medizinische Berichte eingeholt und weitere rechtliche Abklärungen getroffen werden. Ziel einer Frühintervention soll es sein, möglichst rasch eine Lösung zu finden. Pro Person kann die IV in der Frühinterventionsphase aber höchstens 20‘000 Franken ausgeben. Während der Durchführung von Frühinterventionsmassnahmen besteht zudem kein Anspruch auf ein IV-Taggeld. Diese beiden Einschränkungen fallen weg, sobald die IV die nötigen medizinischen und versicherungsrechtlichen Abklärungen durchgeführt hat, um ordentliche Eingliederungsmassnahmen zuzusprechen. Das müsste spätestens 6 Monate nach eingegangener Anmeldung der Fall sein.

    Integrationsmassnahmen der IV

    Vor allem bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen erweist sich eine direkte berufliche Eingliederung häufig noch gar nicht als möglich. In einem ersten Schritt müssen diese Personen mit gezieltem Training auf die Anforderungen der Berufswelt vorbereitet werden.

    Zu diesem Zweck kann die IV Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung zusprechen. Es handelt sich hierbei um sozialberufliche Rehabilitationsprogramme mit dem Ziel der Gewöhnung an den Arbeitsprozess, der Förderung der Arbeitsmotivation, der Stabilisierung der Persönlichkeit, der Einübung sozialer Grundfähigkeiten und der Erhöhung der Belastbarkeit. Sie finden in der Regel in spezialisierten Eingliederungsstätten statt, können aber auch direkt bei einem Arbeitgeber vorgesehen werden, sofern sich ein solcher findet.

    Integrationsmassnahmen setzen eine Präsenzzeit von mindestens 4 Tagen pro Woche à je 2 Stunden voraus, können bis zu einem Jahr dauern (unter Umständen verlängerbar auf 2 Jahre) und werden anhand eines Eingliederungsplans durchgeführt und begleitet. Während einer Integrationsmassnahme erhält die betroffene Person selber ein IV-Taggeld ausbezahlt. Erweist sich, dass das Ziel der Integrationsmassnahme nicht erreicht werden kann, wird diese abgebrochen.

    Beispiel

    Herr R hat vor 18 Monaten seine Stelle wegen einer schweren depressiven Störung sowie einer Angststörung verloren. In der Zwischenzeit hat sich sein Gesundheitszustand wieder etwas stabilisiert. Die Ärzte sind der Auffassung, dass er in kleinen Schritten wieder an das Berufsleben herangeführt werden könnte. Die IV spricht deshalb Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche Eingliederung in einer Eingliederungsstätte zu. Herr R beginnt sein Training mit einem Pensum von 30%. Er erhöht dieses sukzessive auf 60%. Nachdem er das Training erfolgreich abgeschlossen hat, ordnet die IV eine Arbeitsvermittlung an.

    Welches sind die Leistungen der IV bei der Arbeitssuche?

    Wer wegen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung auf Hilfe bei der Suche eines angepassten Arbeitsplatzes angewiesen ist, hat Anspruch auf aktive Unterstützung durch die Berufsfachleute der IV-Stellen. Die Arbeitsvermittlung der IV umfasst unterschiedliche Tätigkeiten:

    Beratung bei der Erstellung eines Bewerbungsdossiers und beim Verfassen eines Bewerbungsschreibens oder Vorbereitung eines Bewerbungsgesprächs, Hinweis auf offene Stellen, Versand der Bewerbungsunterlagen an potentielle Arbeitgeber, und im Idealfall sogar Vermittlung einer konkreten Arbeitsstelle. In Anbetracht des heutigen Arbeitsmarktes ist diese Aufgabe sehr anspruchsvoll und bedingt persönliche Motivation der Betroffenen sowie gute Kooperation mit den Arbeitsvermittlern der IV-Stellen.

    Bleibt die Arbeitsvermittlung der IV ohne Erfolg, so wird sie in der Regel nach einer Dauer von 6 Monaten abgeschlossen. Dagegen kann man sich allerdings wehren. Die Gerichte haben verschiedentlich festgestellt, dass eine Arbeitsvermittlung auch über die Dauer von 6 Monaten zu verlängern ist, solange die betroffene Person aktiv mitarbeitet und die Vermittlung eines Arbeitsplatzes nicht offensichtlich aussichtslos ist.

    Beispiel

    Frau M hat keine Ausbildung absolviert und war jahrelang als Raumpflegerin tätig, als bei ihr die Diagnose Multiple Sklerose gestellt wurde. Aufgrund des schubartigen Verlaufs musste sie ihr Arbeitspensum sukzessive verringern, bis ihr die körperlich strenge Tätigkeit in der Reinigung gar nicht mehr möglich war.
    Frau M will unbedingt weiter arbeiten. Sie meldet sich deshalb bei der IV für berufliche Massnahmen an. Die Berufsfachleute der IV-Stelle eruieren vorerst, welche körperliche Belastung Frau M noch zumutbar ist. Sie zeigen ihr auf, welche Tätigkeiten ihrem Belastungsprofil, aber auch ihrem Ausbildungsniveau entsprechen. Im Rahmen der Arbeitsvermittlung gelingt es sodann, für Frau M eine überwiegend sitzende 80%-Tätigkeit in einer Produktionsfirma zu finden.

    Damit die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Person im Arbeitsmarkt abgeklärt werden kann, kann die IV einen maximal 180 Tage dauernden Arbeitsversuch vorsehen. Während des Arbeitsversuchs entsteht kein Arbeitsverhältnis im rechtlichen Sinne und beim Arbeitgeber fallen keine Lohnkosten an. Die geleistete Arbeit wird vielmehr durch ein IV-Taggeld entschädigt. Der Arbeitgeber kann somit ohne eigenes Risiko testen, ob die betroffene Person seinen Ansprüchen entspricht, und diese kann ihre Fähigkeiten im freien Arbeitsmarkt unter Beweis stellen.

    Auffallend ist, dass sich die Bemühungen der IV bei der Arbeitssuche im kantonalen Vergleich doch sehr unterscheiden. Während sich einige IV-Stellen auf die Unterstützung beim Bewerben auf öffentlich ausgeschriebene Stellen beschränken, suchen die anderen IV-Stellen den Kontakt zu den Arbeitgebern und setzen sich intensiv dafür ein, eine konkrete Arbeitsstelle zu vermitteln. Massgebend für den Erfolg bei der Suche nach einer geeigneten Arbeitsstelle sind also nicht nur die eigenen Bemühungen und die grundsätzliche Bereitschaft der Arbeitgeber, behinderte Menschen anzustellen, sondern oft auch der Wohnsitz der Betroffenen und die sich daraus ergebende Zuständigkeit der IV-Stelle.

    Beispiel

    Herr H arbeitet als Chauffeur. Aufgrund einer aufgetretenen Epilepsie kann und darf er diesen Beruf nicht mehr ausüben. Nach Gesprächen mit dem IV-Berufsberater und nach Absolvierung einer beruflichen Abklärung vermittelt ihm die IV einen 6 Monate dauernden Arbeitsversuch als Hauswart. Leider stellt sich nach bereits 3 Monaten heraus, dass die Weiterführung des Arbeitsversuchs aus medizinischen Gründen nicht möglich ist. Der Arbeitsversuch muss daher vorzeitig abgebrochen werden. Die IV leitet nun die Rentenprüfung ein.

    Anreize zugunsten anstellungsbereiter Arbeitgeber

    Das Gesetz sieht auch verschiedene Anreize vor, welche es den Arbeitgebern erleichtern sollen, eine behinderte Person anzustellen. Das ist wichtig, denn viele Arbeitgeber haben Angst, dass eine neu angestellte Person mit gesundheitlicher Beeinträchtigung die erwünschte Leistung nicht erbringt oder nach kurzer Zeit erneut arbeitsunfähig wird, und dass in solchen Fällen Belastungen für den Arbeitgeber entstehen. Unter diese Anreize fallen einerseits die „Einarbeitungszuschüsse“, andererseits die „Entschädigungen für Beitragserhöhungen“.

    Hat die IV eine Arbeitsstelle vermittelt, kann sie für die Einarbeitungszeit im neuen Betrieb während maximal 6 Monaten einen Einarbeitungszuschuss gewähren. Der Einarbeitungszuschuss wird an den Arbeitgeber ausgerichtet und soll einen Ausgleich dafür schaffen, dass die neu eingestellte Person während der Einarbeitungszeit noch nicht die volle Leistung erbringt. Der Arbeitgeber hat dabei von Anfang an den vollen Lohn zu zahlen und die Sozialversicherungsbeiträge abzurechnen.

    Beispiel

    Die IV-Stelle hat Frau M eine 80%-Stelle in einer Produktionsfirma vermitteln können. Da Frau M noch nie eine solche Tätigkeit ausgeübt hat und sie sich erst noch einarbeiten muss, wird sie zu Beginn noch keine volle Leistung erbringen. Als Ausgleich gewährt die IV der Produktionsfirma während einer 3-monatigen Einarbeitungszeit einen Einarbeitungszuschuss, und zwar in der Höhe von 2/3 des Lohnes, den Frau M von der Firma erhält.

    Zusätzlich kann die IV dem Arbeitgeber eine „Entschädigung für Beitragserhöhungen“ ausrichten. Eine solche Entschädigung wird fällig, wenn eine behinderte Person nach erfolgter Arbeitsvermittlung innert 3 Jahren erneut während mehr als 15 Tagen arbeitsunfähig wird und das Arbeitsverhältnis in diesem Zeitpunkt bereits länger als 3 Monate gedauert hat. Wenn die behinderte Person in einem solchen Fall weiterhin den Lohn oder Krankentaggelder erhält, wird dem Arbeitgeber ab dem 16. Tag eine entsprechende Entschädigung (48 Franken pro Tag für Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitenden, 34 Franken pro Tag für Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitenden) ausgerichtet, und zwar so lange der Lohn oder ein Krankentaggeld geleistet wird. Nicht erforderlich ist, dass die Krankentaggeldversicherung oder die Pensionskasse des Arbeitgebers wegen des eingetretenen „Schadenfalls“ tatsächlich die Beiträge erhöht.

    Beispiel

    Nach 2 Jahren erleidet Frau M erneut einen MS-Schub. Dieser hat eine längere Arbeitsunfähigkeit zur Folge. Da Frau M bei der Produktionsfirma krankentaggeldversichert ist, erhält sie als Lohnersatz Krankentaggelder ausgerichtet. Ab dem 16. Tag der Arbeitsunfähigkeit bezahlt die IV dem Arbeitgeber eine „Entschädigung für Beitragserhöhungen“ aus. Die Produktionsfirma hat 75 Mitarbeitende, die Entschädigung an den Arbeitgeber beträgt daher 34 Franken pro Tag.

    Rechtliche Grundlagen

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