Vorzeitige Pensionierung

Erschwert eine gesundheitliche Beeinträchtigung die bisherige berufliche Tätigkeit erheblich und steht die betroffene Person bereits kurz vor dem AHV-Rentenalter, so wird oft von den Arbeitgebern als Alternative zu einer IV-Anmeldung die Möglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung, d.h. eines vorzeitigen Bezugs von Altersleistungen, ins Spiel gebracht.  

In diesem Kapitel werden die Voraussetzungen für den vorzeitigen Bezug der Altersrente sowohl in der AHV wie auch in der beruflichen Vorsorge dargelegt, und es werden die damit verbundenen Vor- und Nachteile beschrieben. Schliesslich werden einige Kriterien aufgezeigt, die den Betroffenen beim schwierigen Entscheid über die vorzeitige Pensionierung behilflich sein können.


    Vorzeitiger Bezug der AHV-Rente

    Männer und Frauen können die AHV-Rente 1 oder 2 Jahre vorbeziehen, d.h. Männer ab 63 oder 64 Jahren und Frauen ab 62 oder 63 Jahren. Während der Dauer des Vorbezugs werden keine Kinderrenten ausgerichtet. Der Vorbezug der Altersrente ist allerdings mit einem erheblichen Nachteil verbunden: Die AHV-Rente wird pro Vorbezugsjahr lebenslänglich um 6,8% gekürzt.

    Wer die Altersrente vorbeziehen will, muss ein entsprechendes Gesuch spätestens bis zum Ende des Monats eingereicht haben, in dem das 62., 63. oder 64. Altersjahr vollendet wird. Eine rückwirkende vorzeitige Pensionierung ist ausgeschlossen.  

    Auch nach Vorbezug der Altersrente muss eine Person weiterhin AHV/IV-Beiträge bis zum Erreichen des ordentlichen Rentenalters bezahlen. Wer kein Erwerbseinkommen von rund 5'000 Franken im Jahr mehr erzielt, wird als nichterwerbstätige Person beitragspflichtig, es sei denn, der Ehegatte leiste noch als erwerbstätige Person mindestens das Doppelte der Mindestbeiträge: Dann müssen keine Beiträge entrichtet werden.  

    Wer eine AHV-Rente vorbezieht und in bescheidenen finanziellen Verhältnissen lebt, hat Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Die mit dem Vorbezug verbundene Kürzung der AHV-Rente kann damit aufgefangen werden, denn bei der EL-Berechnung wird nur die gekürzte Rente als anrechenbares Einkommen berücksichtigt.

    Beispiel

    Herr S kämpft mit zunehmenden gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz. Er will sich aber unter keinen Umständen bei der IV anmelden. Dafür entschliesst er sich, die AHV-Rente mit 63 Jahren vorzubeziehen, und meldet sich drei Monate vor seinem 63. Geburtstag bei seiner Ausgleichskasse hierfür an.
    Herr S ist sich bewusst, dass seine AHV-Rente als Folge des Vorbezugs um 13,6% gekürzt wird. Er kann dies in Kauf nehmen, weil seine AHV-Rente und die sehr kleine Altersrente der Pensionskasse ohnehin den Existenzbedarf nicht decken. Herr S wird deshalb, sobald er die AHV-Rentenverfügung erhalten hat, ein Gesuch um Ergänzungsleistungen stellen.

    Wer die AHV-Rente vorzeitig bezieht, muss sich bewusst sein, dass dieser Entscheid auch Folgen für den Anspruch auf eine Hilflosenentschädigung sowie auf Hilfsmittel hat: Sobald eine Altersrente (vor)bezogen wird, unterliegt die betreffende Person den Regeln des AHV-Gesetzes und nicht mehr jenen des IV-Gesetzes: Tritt nach dem Vorbezug eine Hilflosigkeit ein, oder benötigt eine Person nach dem Vorbezug erstmals ein bestimmtes Hilfsmittel, so bestimmt sich ein allfälliger Anspruch nach den wesentlich restriktiveren AHV-Regeln.

    Vorzeitiger Bezug der Altersrente aus beruflicher Vorsorge

    Die Pensionskassen sind gesetzlich nicht verpflichtet, den vorzeitigen Bezug der Altersrente anzubieten. Tun sie es nicht, so erhalten Männer die Altersrente erst mit 65 Jahren und die Frauen mit 64 Jahren.

    Die allermeisten Pensionskassen sehen jedoch in ihren Reglementen die Möglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung vor: Viele ermöglichen im Sinn eines flexiblen Altersrücktritts die Alterspensionierung zwischen 60 und 65 Jahren (bei Frauen zwischen 59 und 64 Jahren), sobald eine Person in diesem Alter das Arbeitsverhältnis beendet. Einige Pensionskassen gestatten auch die Möglichkeit einer Teilpensionierung, falls eine Person z.B. ihr Arbeitspensum reduziert.

    Beispiel

    Herr W hat aus gesundheitlichen Gründen zunehmend Mühe, seine bisherige 100%-Tätigkeit in der Schreinerei X zu absolvieren. Er erkundigt sich im Alter von 62 Jahren bei seinem Arbeitgeber, ob eine Reduktion des Pensums auf 50% möglich wäre. Der Arbeitgeber ist damit einverstanden.
    Die Pensionskasse der Firma X sieht die Möglichkeit einer Teilpensionierung ab 60 Jahren vor. Herr W erhält deshalb vorzeitig eine halbe Altersrente von der Pensionskasse. Dadurch erfährt seine Altersrente aus beruflicher Vorsorge zwar ebenfalls eine Kürzung, sie fällt aber nicht so gravierend wie bei einer Vollpensionierung mit 62 Jahren aus.

    Der vorzeitige Bezug einer Altersrente aus beruflicher Vorsorge führt immer zu einer erheblichen lebenslänglichen Reduktion der Altersrente. Die Kürzung ist nicht immer gleich hoch, liegt jedoch häufig zwischen 5% und 7% pro Vorbezugsjahr. Einzelne Pensionskassen bieten für Versicherte, die vor dem ordentlichen AHV-Alter in Pension gehen, auch zeitlich limitierte Überbrückungszuschüsse (als Ersatz für die fehlende AHV-Rente) an. Wenn diese Überbrückungszuschüsse nicht vom Arbeitgeber finanziert werden, müssen sie von der versicherten Person selber finanziert werden, indem die Altersrente zusätzlich (entweder von Beginn weg oder ab Eintritt ins ordentliche AHV-Alter) gekürzt wird.

    Beispiel

    Frau H kann ihre beruflichen Aufgaben aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Zufriedenheit des Arbeitgebers erfüllen, weshalb er ihr das Arbeitsverhältnis kündigt. Frau H wird bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses 60 Jahre und 10 Monate alt sein. Der Arbeitgeber macht seine Mitarbeiterin darauf aufmerksam, dass sie gemäss dem Reglement der Pensionskasse bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses vorzeitig pensioniert werde; ihre monatliche Altersrente betrage 700 Franken.
    Da Frau H über keine Vermögensreserven verfügt und mit einer solchen Rente nicht leben kann, erkundigt sie sich, ob die Pensionskasse einen Überbrückungszuschuss gewährt. Dies ist leider nicht der Fall. Frau H wird sich deshalb bei der Arbeitslosenversicherung anmelden müssen. Sie wird von dieser ein Taggeld erhalten, von dem allerdings der Betrag der Altersrente (700 Franken) abgezogen wird. Sobald sie 62-jährig ist, kann sie die AHV-Rente vorbeziehen und sich dann auch für den Bezug von Ergänzungsleistungen anmelden.

    Wird ein Arbeitsverhältnis in einem Alter beendet, in welchem gemäss Reglement der Pensionskasse der Vorbezug der Altersrente bereits möglich ist, will aber die betroffene Person noch nicht in den Ruhestand treten, sondern an einem anderen Ort die Erwerbstätigkeit weiterführen, so darf sie an Stelle des Vorbezugs der Altersrente eine Austrittsleistung beanspruchen. Diese Austrittsleistung entspricht ihrem Altersguthaben und ist an die Vorsorgeeinrichtung des neuen Arbeitgebers zu überweisen. Dasselbe gilt, wenn sich eine Person nach der Beendigung des Arbeitsverhältnisses als arbeitslos meldet. In diesem Fall kann die Austrittsleistung auf ein Freizügigkeitskonto überwiesen werden.

    Beispiel

    Frau H verzichtet explizit auf den Vorbezug der Altersrente. Sie meldet sich nach ihrer Entlassung bei der Arbeitslosenversicherung an. Die Pensionskasse überweist das Altersguthaben darauf auf ein Freizügigkeitskonto. Leider findet Frau H keine neue Stelle mehr. Zwei Jahre später ist der Anspruch auf Taggelder der Arbeitslosenversicherung ausgeschöpft. Nun wird Frau H ihr Altersguthaben vom Freizügigkeitskonto beziehen können. Dies ist ab 60 Jahren immer zulässig. Eine Altersrente aus beruflicher Vorsorge erhält sie in diesem Fall allerdings nicht mehr.

    Invalidenrente oder vorzeitiger Bezug der Altersrente?

    Wenn eine gesundheitlich beeinträchtigte Person, die das 60. Altersjahr erreicht hat, merkt, dass sie die beruflichen Anforderungen am bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr erfüllen kann, oder wenn der Arbeitgeber die Auflösung des Arbeitsverhältnisses androht, so stellt sich regelmässig die Frage, ob es klüger ist, die Altersleistungen vorzeitig zu beziehen und die damit verbundenen Kürzungen in Kauf zu nehmen, oder ob eine IV-Anmeldung eingereicht werden soll. Es ist nicht möglich, auf diese Frage eine allgemein gültige Antwort zu geben. Jeder individuelle Fall liegt anders. Es ist deshalb in solchen Situationen immer ratsam, eine persönliche Beratung in Anspruch zu nehmen. An dieser Stelle können nur einige Faktoren genannt werden, die für die eine oder die andere Lösung sprechen.

    Folgende Faktoren sprechen (unter anderen) für einen vorzeitigen Bezug der Altersleistungen:

    • Ein vorzeitiger Bezug der Altersrente ist überhaupt möglich, sei es, dass bereits die AHV-Rente vorbezogen werden kann, sei es, dass das Reglement der Pensionskasse den Vorbezug der Altersrente aus beruflicher Vorsorge in diesem Alter erlaubt;
    • Die Altersleistungen sind trotz Kürzung genügend hoch, um die Existenz zu sichern (was insbesondere der Fall ist, wenn die Pensionskasse noch einen Überbrückungszuschuss gewährt);
    • oder die Altersleistungen sind zwar zu wenig hoch, es besteht aber noch Vermögen, um die Lücke zu schliessen, oder die Lücke kann durch Ergänzungsleistungen geschlossen werden (was erst ab Vorbezug der AHV-Rente möglich ist);
    • die betroffene Person will sich nicht mehr einem IV-Abklärungsverfahren unterziehen, welches immer auch mit Belastungen und Unsicherheiten verbunden ist.

    Folgende Faktoren sprechen (unter anderen) für eine Anmeldung bei der IV:

    • Die zu erwartenden Kürzungen bei den Altersleistungen sind erheblich. Der individuelle Existenzbedarf kann nicht mehr gewährleistet werden.
    • Es besteht im Betrieb eine kollektive Krankentaggeldversicherung, welche den Lohn bis zum Entscheid der IV zu decken vermag.
    • Die Ärzte sind bereit, eine Arbeitsunfähigkeit zu attestieren und überzeugend zu begründen, und zwar nicht nur hinsichtlich der bisherigen Tätigkeit, sondern auch hinsichtlich einer angepassten Tätigkeit.
    • Es muss mit einer weiteren Verschlechterung der gesundheitlichen Probleme gerechnet werden.

    Es kommt immer wieder vor, dass sich eine Person für eine IV-Leistung angemeldet hat, dass sich das IV-Abklärungsverfahren aber in die Länge zieht und die Existenzsicherung während des Wartens auf den IV-Entscheid plötzlich in Frage gestellt ist. In solchen Fällen kann sich als Alternative zum Gang zur Sozialhilfe der Vorbezug einer AHV-Rente anbieten. Gewährt die IV später rückwirkend eine IV-Rente, so kann auf den Vorbezug der AHV-Rente wieder verzichtet werden. Ob dies allerdings auch bezüglich der Renten aus beruflicher Vorsorge möglich ist, ist rechtlich umstritten.

    Beispiel

    Frau G hat bisher zu 70% im Verkauf gearbeitet und monatlich 2'500 Franken verdient. Kurz vor ihrem 60. Altersjahr erkrankt sie an einem Lungenleiden und wird von ihren Ärzten zu 100% arbeitsunfähig geschrieben. Die Taggeldversicherung des Betriebs bezahlt ihr ein Taggeld von 80% des Lohnes. Frau G hat sich bei der IV angemeldet. Deren Entscheid zieht sich jedoch in die Länge, weil sie noch ein Gutachten verlangt hat. Der Taggeldanspruch erlischt nach 720 Tagen. Da Frau G keine Reserven hat, müsste sie sich jetzt an den Sozialdienst wenden. Frau G will dies vermeiden und entscheidet sich dafür, die AHV-Rente mit 62 Jahren vorzubeziehen. Gleichzeitig bezahlt ihr die Pensionskasse des Arbeitgebers eine Altersrente aus beruflicher Vorsorge.
    3 Monate, nachdem Frau G die AHV-Rente erhalten hat, gewährt ihr die IV-Stelle rückwirkend eine ganze Invalidenrente, welche höher ist als die gekürzte AHV-Rente. In diesem Fall kann Frau G den Verzicht auf die vorbezogene AHV-Rente erklären. Ob auch die Pensionskasse einen entsprechenden Verzicht akzeptiert, muss sie abklären.

    Rechtliche Grundlagen

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